Aufsätze

Förderdiagnostik Bundschuh, Praxiskonzepte der Förderdiagnostik

  "Die einzige pädagogische akzeptable Alternative zu Schulversagen und Erziehungsproblemen lautet: Orientierung am Kind und seinen Möglichkeiten.

Sowohl das Kind mit seinen Problemen als auch die Welt, in der es lebt, fordern heraus.

Beide Bereiche, die Bedingungen des an sich autonomen Subjekts und die soziale und materiale Umwelt bedürfen einer genaueren Betrachtung und Analyse.

Herkömmliche psychologische Diagnostik: Die Selektionsdiagnostik

Sie beschäftigt sich in hohem Maße mit Zuordnungs-und Plazierungsfragen im Zusammenhang mit Einzelpersonen und Gruppen. Bis heute versucht sie Prüfverfahren mit dem Ziel der Entscheidungsfindung- und vorbereitung zu erarbeiten.Es wurde und wird immer wieder versucht, die mit Zuordnungen verbundenen Klassifizierungen und Rangordnungen zu präzisieren und mit entsprechenden Meßniveaus verbesserte quantifizierbare Maßstäbe zu entwickeln.Publikationen beschäftigen sich auch gegenwärtig meist mit testtheoretischen Aspekten wie “Gütekriterien”, “Aufgabenanalyse”, “Normierung”..... Eine entschiedene Hinwendung zum Kind, zu seinen Problemen und Bedürfnissen findet nicht statt.

Als Beispiele seien das medizinische Modell und das psychodiagnostische Modell genannt.

Das medizinische Modell der pädagogisch-psychologischen Diagnostik leitet sich ab aus dem Krankheitsmodell der Medizin bzw. Psychiatrie.

An folgenden Annahmen wird festgehalten:

Das Individuum als Träger von gestörtem Verhalten ist krank.

Die Symptome lassen sich wie die Symptome einer körperlichen Krankheit beobachten und kategorisieren.

Die Krankheit entspricht zugrundeliegenden Prozessen, die innerhalb des Patienten gegeben sind.

Das gestörte oder unangepaßte Verhalten ergibt sich aus Erfahrungen oder Prozessen, die nicht mit denen bei unauffälligen Individuen vergleichbar sind.

Derartige individuelle Krankheit hat eine mehr oder weniger spezifische Ätiologie, und zwar sehr wahrscheinlich als Folge emotionaler Störungen in der frühen Kindheit.

Ist die Krankheit richtig diagnostiziert und die Ätiologie erst einmal erkannt, so kann die Therapie beginnen, die zur Heilung oder Besserung führt.

Die am medizinischen Modell orientierte Denkweise führte und führt noch heute dazu, daß auch auffällige nicht-körperliche Symptome, z.B. “auffälliges Verhalten”, auf “krankhafte” Zustände innerhalb der Person zurückgeführt werden. Nachdem wir es bei Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen und schwachen Lernleistungen nicht mit Krankheiten im eigentlichen Sinne zu tun haben, werden diese Phänomene in die Nähe der psychischen Krankheit gebracht, also analog zur psychischen Krankheit gesehen. Aufgabe der Diagnostik im Verständnis dieses Modells ist es, Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Ängstlichkeit, Aggression u.ä.) quantitativ als mögliche Verursacher von Verhaltensauffälligkeiten zu erfassen. Angestrebt wird als Ergebnis die Erstellung eines umfassenden Persönlichkeitbildes eines “Probanden”.

Mittels dieses Persönlichkeitsabbildes wird dann auffälliges Verhalten bzw. Schulversagen unter Einbezug der erfaßten Persönlichkeitsmerkmale, also mit Hilfe von Bedingungen im Probanden erklärt.

Als Folge einer traditionell medizinisch orientierten Denkweise kann man auch die häufige Verschreibung von Psychopharmaka für Kinder und Jugendliche sehen. Über 15% der 6-bis 10-jährigen erhalten Psychopharmaka.

Die Erfassung der Persönlichkeitsmerkmale und -eigenschaften erfolgt nach diesem Modell durch eine Konfrontation des Probanden mit einer standardisierten SItuation in Form eins psychometrischen Tests. Das gezeigte Verhalten wird nach bestimmten Kriterien bewertet und mit den Bewertungen einer repräsentativen Bezugsgruppe verglichen.

Die Anwendung dieses diagnostischen Modells in der Praxis führt in erster Linie zu einer Klassifikation von Personen nach einem oder verschiedenen Merkmalen und damit auch häufig zu einer Selektion und zur Konservierung bestehender Unterschiede.

Das psychologisch-diagnostische Modell

Die Ursachen für auffälliges Verhalten sind in der “Seele”, irgendwo im Indivduum zu finden. Die bisherigen Bezüge, nicht die Lehrer-Schüler- und Schüler-Schüler-Interaktionen werden in die Diagnose einbezogen, sondern lediglich das “Individuum” interessiert. Das Therapieziel wird in der Anpassung des Schülers an die Forderungen des “Fachmannes” (Therapeut, Lehrer) gesehen, wobei die Normen objektiv erscheinen, in Wirklichkeit ziemlich willkürlich von außen gesetzt sind.

Keine Rolle spielen die sozialen Bezüge, die möglicherweise zu Abweichungen geführt haben. Es besteht also wenig Interesse am Probanden selbst in seinem sozialen Feld und möglichen Veränderungen im Sinne von Verbesserungen dieser Bezüge

Defizite werden verdeutlicht, Negativabstände werden zur sog. Normalität festgeschrieben und verfestigt.

Es besteht oft nur Interesse an dem, was “ist” im weitgehend statischen Sinn (Persönlichkeits-merkmale)

Neuere Ansätze:

Diagnostik erweitert sich in Richtung was “soll” und wie kann dieses “Soll” erreicht werden. Intendiert wird primär der Fortschritt der Persönlichkeit durch Erweiterung der Handlungskompetenz.

Nicht mehr die sozialen und leistungsmäßigen Bezugsnormen dominieren, sondern das einzelne Kind ist träger des “Maßstabes”. Die Entwicklung geht in Richtung Diagnostik der Möglichkeiten eines Kindes in der Notsituation.

Aus der Kenntnis der Lernbiographie des Kindes- sei es bezogen auf einen einzelnen Lernbereich oder stärker auf die Entwicklung und das Lernen des ganzen Kindes- lassen sich die weiteren Lernschritte ableiten

Gegenwärtige Diskussion der Problematik Diagnostik: Forderung nach Abschaffung jedweder Art von Diagnose bis hin zu der Auffassung, Diagnostik sei ein notwendiger integraler Bestandteil jeglichen päd. Handelns, wenn sie in “rechter” Weise realisiert werde.Gemeint ist die Beobachtung dieses sensiblen Zusammenspiels zwischen erzieherlich-unterr. Angebot und der Reaktion des Kindes. Hinterfragt wird Lerngegenstand im Zusammenhang mit den Möglichkeiten des Kindes, bezogen auf diesen Lerngegenstand.

Normorientierte Diagnostik-Methoden können dem Anspruch der FD nicht genügen. Sie diagnostizieren in der Regel nicht, was ein Kind bisher gelernt hat, wo es , wie es und warum es handelt. Normorientierte Meßverfahren implizieren die Gefahr, das Verhalten von Kindern mit Behinderungen auf Teil- bzw. Funktionsbereiche zu reduzieren, Defizite und Normabweicheungen zu fokussieren und damit verstärkt zur Vorurteilsbildung und Stigmatisierung beizutragen. Die Problemhaftigkeit von Systemen wird im Rahmen normorientierter Verfahren nicht diagnostiziert.

Förderdiagnostik

FD bemüht sich um das Kind/den Menschen, das/der bezüglich einer optimalen Entfaltung seiner Möglichkeiten im geistigen, sozialen, emotionalen oder physischen Bereich gefährdet, bedroht, gestört oder behindert ist, wobei die Prozesse der Isolation von der Aneignung von Welt stes mitbedacht werden müssen. Aber nicht nur das Kind, sondern vor allem auch die vielfältigen behindernden Bedingungen in der Umwelt bedürfen des Einbezugs in diesen Prozeß.

Erkennen, Analysieren und Verstehen sind wesentliche Momente förderdiagnostischer Prozesse. FD trägt dazu bei, eigene Kräfte und Möglichkeiten zu entfalten und das Kind in seine Menschlichkeit hineinfinden zu lassen.

Ideal gesehen, sollte FD einen Beitrag dazu leisten, daß eine Person entsprechend ihren Bedürfnissen Angebote erhält, gefördert wird, d.h. daß Barrieren der Bedürfnisbefriedigung beseitigt werden.

Wenn FD sich an Bedürfnissen von Personen orientiert, darf sie insbesondere die Bedürfnisse nach Kommunikation und Interaktion, nach Geborgenheit und Geltung, nicht außer acht lassen.

Erstrebt wird, daß sich auch das Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild im Kontext sozialer Beziehungen entwickelt, in denen der einzelne

Erwiderung erfährt (Gefühl, von anderen ernstgenommen zu werden, wie auch anderen etwas geben zu können)

Anerkennung erhält ( in dem Sinne, positiv als Person beurteilt zu werden)

Sicherheit besitzt (verläßliche und stabile Beziehungen).

Der Zusammenhang zwischen Bedürfnissen und Förderung besteht im Beseitigen von Barrieren, in Hilfestellungen, damit sich Bedürfnisse realisieren können, damit der Weg frei wird zur Entfaltung von Bedürfnissen und somit zur Entfaltung der Persönlichkeit.

Janus Korczak fordert für das Recht des Kindes “zu sein, wie es ist”.

Komplexität und Mehrdimensionalität:

Um die Komplexität der Phänomene (geistige Behinderung, Lernbehind, psychische Störungen, Verhaltensprobleme, Autismus...) im sonder- oder heilpäd. Arbeitsfeld gerecht zu werden, muß Diagnostik in diesem Bereich multi-methodal und multidimensional, hinsichtlich der methodischen Vorgehensweisen offen und vielfältig, im Zusammenhang mit einer ganz bestimmten vorliegenden Problematik auch kompetent und speziell sein.

Ganzheitlichkeit:

Tatsächlich gibt es beim Kind und beim Erwachsenen die “Teilleistung” oder auch ein “Teilverhalten” nicht. In jedem Verhalten, in jeder Leistung, besser in jeder Handlung ist der ganze Mensch aufgehoben, involviert, denn motorische, psychisch-emotionale, soziale und kognitive Prozesse partizipieren überall und integrieren sich in mehr oder weniger starkem Maße in jeder Handlung auf dem Wege der komplexen Entwicklung eines Kindes.

Folgende Aspekte sind diagnostisch bedeutsam:

die Beschreibung der Lebenswirklichkeit (Analyse der Umwelt-und Mitweltbedingungen wie etwa Familie, Kindergarten....)

die Beschreibung der Interaktions- und Handlungsbedingungen (familiäre Handlungsstrukturen, Erziehungsstile und- ziele)

die Beschreibung der lernprozessualen Voraussetzungen (Analyse des Lernens unter Berücksichtigung intraindividuellen Differenzen wie etwa Variablen der Leistungsmotivation, Ängstlichkeit....)

Ganzheitlichkeit meint den Einbezug der engen Verbindung und Vernetzung unterschiedlicher Prozesse innerhalb und außerhalb des Individuums. Hierbei spielen Körpererfahrung, Bewegung, Wahrnehmung, Emotion und Kommunikation eine Rolle, die in kognitive Verarbeitung, schließlich Kognition mündet.

Umgeben wird das Kind von der sozialen und damit geistig-kulturellen sowie materiellen Welt, auf die es kraft seiner subjektiven, psychologischen Welt einwirkt. Diese subjektive Welt ist angereichert mit Erfahrungen vemittelt durch die Wahrnehmung, begleitet v. emotionalen Prozessen, kreativen Vorstellungen, vom Denken und Entwerfen im Sinne v. innerem Handeln. Schließlich führen diese Verarbeitungsprozesse über die Bewegung zum äußeren Handeln.

FD befaßt sich nicht mit einem Ab-Checken ontologischer Eigenschaften, sondern mit der Analyse von Zuständen und Kommunikationssystemen. Nicht ex-akte Daten, sondern inter-akte Be-Deutungen sind von Interesse.

Ergeben sich Probleme beim Lernen, die zunächst als nicht überwindbar erscheinen, sollte man diese nicht als “Störungen” und “Behinderungen”, vielmehr als Anreiz zu ´neuen, besseren und kindorientierten Angeboten verstehen.

Grundsätze einer wichtigen Basis für Diagnose und Förderung im sonder-und heilpädag. Arbeitsfeld:

Wir müssen das Kind verstehen, bevor wir es erziehen.

Wo immer ein Kind versagt, haben wir zu fragen: Was tut man dafür? Nämlich für das, was werden sollte, soweit es werden kann.

Wir haben nie nur das entwicklungsgehemmte Kind als solches zu erziehen, sondern immer auch seine Umgebung."




» Siehe auch: Psychodiagnostisches Modell

Diagnose und Förderung bei Schwerstbehinderten Bundschuh, Einführung in die sonderpädagogische Diagnostik, 1996, S. 262

Zur Erkundung der Förderungs-Ausgangslage spielen bei Schwerstbehinderten schwerpunktmäßig der Lebenslauf und das zu beobachtende Verhalten eine wichtige Rolle.
Franger und Pfeffer schlagen folgenden förderdiagnostischen Ansatz vor:

(in: Kornmann u.a. , Förderungsdiagnostik, Konzept und Realisierungsmöglichkeiten, Heidelberg,1994)

Block l: Biographie

I.1. Eltern-Fragebogen

I.2. Erzieher-Fragebogen

I.3. Therapeuten-Fragebogen

Block II: Diagnose überdauernder körperlicher und relativ überdauernder psychischer Merkmale

II.1. Diagnose körperlicher Merkmale

II.2. Diagnose relativ überdauernder psychischer Merkmale (incl. exakte Beschreibung der Situation, in der sie auftreten, wie Raum, Personen, Wetter, Häufigkeit etc.)

II.3. Beschreibung psychischer Grundverhaltens (Verhaltensweisen, die das Kind sowohl in Alltags- als auch Extremsituationen zeigt)

Block III: Sensomotorische und psychomotorische Funktionstüchtigkeit

Grobmotorik

Feinmotorik/Handmotorik

Mundmotorik/Essen

Geruchswahrnehmung

Geschmackswahrnehmung

Taktile Wahrnehmung

Optische Wahrnehmung

Akustische Wahrnehmung

Aktive Verständigung/Sprache/Kommunikation

Passive Verständigung/Sprachverständnis

Psychosoziale Entwicklung

Selbsthilfe (Toilette, Waschen, An-und Ausziehen)

Dieter Fischer gibt wertvolle Hinweise über Verfahren und Ansätze zur Förderung geistig schwerstbehinderter Menschen. Ausgangspunkt: basale Stimulation. Diese wird dann integrierend weitergeführt zu Eigenaktivitäten in Handlungsfeldern. (in: Fischer,D., Zur Förderung intensiv geistig Behinderter im Rahmen der Schule für geistig Behinderte. Erlangen 1978)

Themenbereiche für Informationsgespräche mit Eltern

Kind und Problem (Störung, Behinderung)

Wie empfindet es selbst seine Problematik? Äußert es sich dazu, fühlt es sich isoliert?Denkt es über seine Zukunft nach?Sieht es selbst Lösungsmöglichkeiten?

Eltern und Problem des Kindes

Welche Schwierigkeiten, Stärken, Schwächen, Gewohnheiten fallen auf? Wie verhalten sich die Eltern gegenüber Auffälligkeiten, wie reagieren sie darauf? Wann empfanden die Eltern ihr Kind anders, gestört? Wurden die Probleme vom Lehrer, Arzt oder sonstigen Personen festgestellt? Wie reagieren die Eltern auf diesen Hinweis? Auf welche Weise wurde dem Kind bisher geholfen?

Frühkindliche Entwicklung

Fragen bezüglich bestimmter Krankheiten, Aufenthalte im Krankenhaus und Auswirkungen, Hospitalismusschäden, Familiensituation (wirtschaftlich, sozial, kulturell), Geschwisterprobleme, Verhalten der Personen aus der Umgebung zum Kind während der Spielzeit und im Urlaub, evtl. Heimaufenthalte, Kindergartenbesuch ....

Erziehungssituation

Hauptsächliche Erziehungs-und Bezugspersonen, Situation außerhalb der Schulzeit, Erziehungsmaßnahmen und ihre Wirkung....

Schulsituation

Einstellung von Kind und/oder Eltern zur Schule, Angst vor der Schule, Hausaufgabenprobleme, Lieblingsfächer, abgelehnte Fächer, negative Erfahrungen und Erlebnisse, Erwartungen, Wünsche, Anregungen für den Bereich der Schule...

Spielsituation und Freizeit
Möglichkeiten zum Spielen, Kontakte zu anderen Kindern, Ausdauer und Ablenkbarkeit, Spielmaterial


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